Bei einem Hexenschuss möchte man vor Schmerz am liebsten schreien. (Bild: Engin Akyurt / Pixabay)

Ein ganz normaler Wochentag im Juni 2012. Als ich wach werde, ist es vier Uhr nachts. Der wenig ungewöhnliche Versuch, mich auf die andere Seite zu drehen, scheitert. Ich will mich aufsetzen. Geht nicht. Aufstehen? Keine Chance. Moment mal – träum ich? Aaah. Nein. Ein stechender Schmerz in meiner rechten Körperseite durchdringt mich, und der ist real. Verdammt! Hexenschuss?

Ich fühle mich wie ein Käfer auf dem Rücken. Ein Voodoo-Opfer, dem man großzügig Nadeln in den Rücken rammt. Auch das rechte Bein wird schikaniert. Mist.

Mein schmerzverzerrtes Gesicht lähmt glücklicherweise nicht selbige Muskeln. Selbst wenn – es ist dunkel, das fällt eh nicht auf. Rationaler Lagecheck: Du liegst allein im Bett. Du kannst dich keinen Meter bewegen. Der unbekannte, erbarmungslose Schmerz treibt dir die Tränen in die Augen. Und es ist vier Uhr nachts.
Familie? Weit weg.
Freunde? Schlafen.
Polizei? Brauch ich nicht.
Arzt? Genau, ein Arzt wäre jetzt gut.

Auf der anderen Bettseite schläft mein Smartphone. Seltsam, sonst ruht es immer im Wohnzimmer, heute ist es hier. Sogar mit vollem Akku. Die rettende Idee: Ich frage einfach Google. Google ist immer wach und weiß immer, was zu tun ist. Anhand der stichwortartigen Symptom-Beschreibung diagnostiziert mir das Brain eine Art Hexenschuss, Lumbalgie. Mit Anfang 30?! Hilft alles nichts, ich brauche einen Arzt. Google verrät mir die Nummer, und nach einigem Zögern überwinde ich mich, einen Hilferuf abzusetzen.

Hexenschuss – Wenn ärztliche Hilfe gebraucht wird

Eine freundliche, leicht übernächtigte Frau meldet sich wenig euphorisch an der anderen Leitung. Höflich wünsche ich ihr einen guten Morgen, verrate ihr, wie ich heiße. Ich sage ihr laut und deutlich, dass mich starke Schmerzen in Rücken und Bein quälen, ich mich deshalb nicht mehr bewegen kann und frage sie, was ich denn dagegen tun könnte. Sie grübelt einen Moment und bietet mir großherzig an: „Dann kommen Sie am besten vorbei.“ Das Einzige, das bisher nicht wehtat, war der Gehörgang, und der sendet nun deutliche Signale ans Hirn: Vorbeikommen?! Geduldig weise ich die pfiffige Dame darauf hin, dass der Satz „Ich kann mich nicht bewegen“ durchaus ernst gemeint war. Ich erkläre ihr, dass ich in meinem Bett liege, aus dem ich nicht aufstehen, geschweige denn zu einem Arzt fahren kann. Sie ist verunsichert. Jemand, der sich nicht bewegen kann? Messerscharf kombiniert sie, dass die Patientin nicht die Tour mit eigener Anreise gebucht hat und schlussfolgert klug, selbst aktiv werden und Plan B erarbeiten zu müssen.

Die Sachlage heldenhaft erkannt, sammelt sie mit deutlich genervter Stimme meine Daten ein. Wie heiße ich noch mal? Wenigstens das Alphabet scheint sie zu beherrschen. Bei der Frage nach meinem Alter kann ich ihre Gedankengänge regelrecht hören: „Anfang 30“, „nicht bewegen“, „versteh ich nicht“. Mit letzter Kraft reiche ich ihr verbal meine Adressdaten rüber und entspanne mich innerlich mit dem Gedanken: „Gleich kommt Hilfe.“
Hahaaa, da habe ich die Hexenschuss-Rechnung ohne die Empathie-Bestie am anderen Ende der Leitung gemacht …

Bürokratie geht über Patientenwohl

„Dann brauche ich bitte noch Ihre Kassennummer und die Versichertennnummer“, brabbelt sie durchs Telefon. What?!

Kopfschütteln. Verzweiflung. Blutdruck. Meine Krankenkassenkarte habe ich nicht mit im Bett! Energisch weise ich sie darauf hin, dass meine Versicherungsunterlagen im Wohnzimmer liegen. Ich hingegen im Schlafzimmer, das ich – wie bereits mehrfach betont – wegen Bewegungsunfähigkeit und starker Schmerzen nicht verlassen kann! „Das tut mir leid, ich brauche bitte die Nummern.“ Voller Adrenalin fauche ich ihr entgegen, dass sie dann bitte zehn Minuten Geduld haben müsste, bis ich von meinem Bett irgendwie ins Wohnzimmer gerobbt wäre. Sie wartet, sagt sie. Wie gnädig. Allein dafür müsste man aus dem Bett springen, hinfahren und sie einmal kräftig schütteln. Quälen die alte Menschen auch so, wenn diese wehrlos vom Bett aus um Hilfe rufen?!

Fassungslos und vor Schmerzen seufzend schiebe ich mich millimeterweise zur Bettkante. Ich werfe die Bettdecke auf den Boden und lasse mich hineinplumpsen. So ist der Aufprall wenigstens nicht so hart. Von der Bettdecke aus geht’s zentimeterweise auf allen Vieren in Richtung Wohnzimmer. Akustisch mit von der Partie ist die nette und geduldige Telefondame, die – ohne hörbar mit der Wimper zu zucken – meine vom Schmerz gezeichneten Laute auf dem langen Weg duldet. Nach einigen Minuten erreiche ich meine Versichertenkarte und schiebe Fräulein Nachtdienst langsam die Zahlen durch den Hörer. Jetzt muss sie erst mal mit dem Doktor sprechen. Alles klar, ich warte.

Wird bei nächtlichem Hexenschuss eine Notfallgebühr fällig?

Sekunden später ist der Herr Doktor am Apparat – der Engel in Weiß, der mir helfen soll. Seine erste Amtshandlung ist ein Hinweis, dass auch bei telefonischer Beratung eine Notfallgebühr von zehn Euro fällig wird. „Ich geb dir auch 20, wenn du mir die Schmerzen endlich nimmst!“, schießt es mir beim Biss auf die Zunge durch den Kopf. Geduldig schildere ich ihm mein Leid und erkläre ihm – die Stimme immer wieder vom Schmerz durchbrochen – dass ich mich n i c h t mehr bewegen kann. Von der Intelligenz geküsst fragt er sicherheitshalber noch mal nach, ob ich nicht doch vorbeikommen könnte. Oder ob mich jemand fahren kann. What?! „Herr Doktor, es ist mittlerweile fast halb fünf in der Nacht. Ich kann mich nicht bewegen, geschweige denn werde ich jetzt irgendjemanden anrufen, der mich irgendwo hinfährt“, fluche ich ihm angespannt durch die Leitung. „Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?“, fragt er. Moment – Hörschaden?! Etwas irritiert bohre ich nach, ob er seine offensichtlich stupide Frage noch mal wiederholen könnte. „Können Sie nicht herkommen oder wollen Sie nicht?“, fragt er. Damit reißt mein Geduldsfaden.

Die Freundlichkeit verkriecht sich in eine Ecke meiner Wohnung und alle anderen Emotionen schmeiße ich dem Doktor durchs Telefon. Nur noch mal zum Mitschreiben: „Ich habe mich unter größter Anstrengung vom Bett durch den Flur gerobbt, um diese beschissene Versichertennummer für Ihre Kollegin zu holen. Ich hänge jetzt quer im Flur und komme weder vor noch zurück.“ Meine lauten Arien mit einer Flut an Worten bringen ihn auf den Boden der Tatsachen zurück und ermutigen ihn zum Einlenken: „Gut, wir schicken Ihnen jemanden vorbei.“ Geht doch.

Hausbesuch am Krankenbett

Eine halbe Stunde später klingelt es. Am Türrahmen ziehe ich mich zum Türöffner für die Haustür hoch. Dauert, aber geht. Fix das Knöpfchen gedrückt – und nach ein paar Sekunden begrüße ich zwei Ärzte vom Boden aus an meiner Wohnungstür. Beim Blick in die betroffen herabschauenden Gesichter beschleicht mich das beruhigende Gefühl: Die haben verstanden, worum es hier geht. Die Frage, wo wir am besten hingehen – zur Couch oder zum Bett – kommentiere ich ohne nachzudenken mit der Aussage, dass die Worte „gehen“ und „ich“ in einem Satz gerade nicht harmonieren.

Ohne Diskussion bringen mich die Herren zu meinem Bett. Danach servieren sie mir ein Glas Wasser, das sie – zusammen mit einer Wasserflasche – eigenständig in der Wohnung gesucht haben. Erstaunlich. Dann gibt es Medikamente. Viele. Starke. Und ein Rezept für mehr. Und andere bürokratische Zettel. Alles legen sie mir ans Bett. Sogar mein Telefon, was noch an der Eingangstür lag. Ich solle mich jetzt erst mal entspannen. Schlafen. Und nicht bewegen. Danke! Einer der Ärzte streicht mir zum Abschied noch solidarisch übers Bein, wünscht mir gute Besserung und sagt mit einem zuversichtlichen Kopfnicken: „Das wird schon wieder!“ Wenigstens in diesem einen Moment ist der Kranke König – auf seinem sch(m)erzhaften Ausflug ins Gesundheitssystem.


Was sich im Nachhinein herausstellt: Der Hexenschuss entpuppt sich als recht unerfreulicher Bandscheibenvorfall, bei dem einem das Lachen für lange Zeit vergeht. Sechs Monate, um genau zu sein.

Allgemeine Hinweise

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